Digitale Demenz

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Smarte Geräte erlauben uns den mobilen Zugang zum Internet, und damit zu dem Wissen und den sozialen Strukturen, die damit verbunden sind. Das Smartphone wird zur Verlängerung des eigenen Denkens. Manchen Menschen ist das unheimlich. Digitale Demenz wird prophezeit. Wer sich nichts mehr merken muss, weil er nur noch das Internet fragt, vernachlässigt seine kognitiven Fähigkeiten. Nachvollziehbare Sorge, oder reaktive Angstmache? [2]

Durch die Digitalen Medien und vorallem durch Smartphones wird uns Kopfarbeit abgenommen. Wir müssen z. B. keine Karten mehr lesen, das übernimmt die App auf dem Smartphone. An Termine werden wir automatisch erinnert und die Telefonnummern selbst von guten Freunden muss man oder will man sich nicht merken, bzw. man macht sich nicht einmal die Mühe sie zu merken, sie ist ja im Adressbuch abgespeichert – und Google hat auf jede Frage eine Anwort.

Nach Manfred Spitzer bergen die Digitalen Medien Gefahren. In seiner Publikation „Digitale Demenz“ behandelt er, dass sie süchtig machen und unseren Körper und Geist schädigen können. Das Gedächtnis wird nachlassen, wenn wir unsere Geräte die Arbeit abnhemen lassen. Laut Spitzer sind vorallem Kinder und Jugendliche betroffen, deren Lernfähigkeit deshalb angeblich nachlässt. Die Folgen sollen Lese- und Aufmerksamkeitsstörungen, Ängste und Abstumpfung, Schlafstörungen und Depressionen, Übergewicht, Gewaltbereitschaft und sozialer Abstieg sein. In seiner Publikation zeigt Spitzer diese Entwicklung auf und ruft zu Konsumbeschränkung, vor allem bei Kindern, auf, um der digitalen Demenz entgegenzuwirken. [3]

Laut eines Interviews auf welt.de haben Hirnforscher für digitale Demenz bisher keinen Beweis gefunden. Anscheinend soll Surfen im Internet spgar Alzheimer vorbeugen. Ein Hirnforscher kann einem Gehirn nicht ansehen, ob es z. B. einem starken Internetnutzer gehört. Der innere Aufbau unseres Gehirns verändert sich, weil die Verarbeitung von Informationen zu neuen oder veränderten Kontakten zwischen den Nervenzellen führt. Das Gehirn eines intensiven Internetnutzers wird daher vielleicht etwas anders sein wie z. B. das Gehirn eines Berufsmusikers. Diese Veränderungen sind aber so fein, individuell verschieden und unspezifisch, dass man sie nicht erfassen kann oder gar auf das Surfen im Internet zurückführen kann. Aus Sicht der Hirnforschung lässt sich nichts über die Folgen der Nutzung digitaler Medien sagen. Was die Nutzung digitaler Medien im Gehirn auch hervorruft es gibt keinen Beweis dafür, dass sie zu wirklich krankhaften Veränderungen im Gehirn führt. Auch die Eignung des Begriffs „Digitale Demenz“ wird in Frage gestellt. Unter Demenz versteht man in der Medizin den Verlust  kognitiver Fertigkeiten. Den Verlust des Gedächtnisses, Einschränkung des Denkvermögens, Orientierungsstörungen und im schlimmsten Fall den Zerfall der Persönlichkeitsstruktur. Demenzen können viele Ursachen haben. Ein Beispiel sind Hirnschäden infolge von Durchblutungsstörungen. Die Gemeinsamkeiten der Ursachen sind Veränderungen der Struktur und der physiologischen Prozesse im Gehirn.
Laut der Hirnforschung führt Computergebrauch von Kindern nicht zwangsläufig zur Verdummung und es gibt Dinge, die man sinnvoll auch mit dem Computer lernen kann. Trotzdem ist es so, dass Kinder anders mit den Informationen aus digitalen Medien umgehen als Erwachsene. Der Rat seitens Hirnforschern: Kleinkinder nicht Computern oder Fernsehen aussetzen und bei älteren Kindern die Zeit zu limitieren. Ein totales Verbot ist aber auch nicht richtig, weil Kinder natürlich lernen müssen, mit digitalen Medien umzugehen. Sie bestimmten nunmal zunehmend unser Privat- und Arbeitsleben. [4]

Laut Spitzer machen digitale Medien also dumm. Hat er Recht und spielt das noch eine Rolle? Es gibt kein Leben ohne digitale Medien mehr. Wir können nicht zurück, uns den digitalen Medien entziehen, „Kulturpessimismus“ bringt uns nicht weiter. Was sollen wir also tun?
Den Umgang mit Medien bewusst steuern und für „Medienbildung“ sorgen. Es geht darum sinnvoll mit Medien umzugehen. Sich mit Nutzen und Risiken von Digitalen Medien auseinanderzusetzen.

Stellungnahme des Landesmedienzentrums Baden-Württemberg zu Spitzers Thesen:

„Digitale, interaktive Medien öffnen die Tore zur Welt, stärken die Menschen und erweitern ihre Möglichkeiten der (Mit-)Gestaltung. Wir meinen: Wer ihre positiven Eigenschaften nutzt, bereichert sein Leben in vielerlei Hinsicht, unter anderem sozial, kreativ und kommunikativ. […] Wichtig ist allerdings, dass die Menschen sich die Medien zu Dienern und gekonnt genutzten Werkzeugen machen und sich nicht von ihnen dominieren lassen. Dazu trägt Medienbildung entscheidend bei.“ [5]

Liste von Anitra Eggler – Digital Therapeutin (www.digital-therapie.com) [6]
Die Autorin hat Bücher veröffentlicht wie „E-MAIL MACHT DUMM, KRANK UND ARM. DIGITAL-THERAPIE FÜR MEHR LEBENSZEIT.“

15 Punkte, die wir dringender brauchen als Inkompetenz und Panikmache

1. Gestern bleibt gestern
Wir brauchen Lösungen für das Heute und das Morgen und keine Aufforderung zum Kopfsprung in Flüsse, die nicht mehr existieren.

2. Gekommen, um zu bleiben
Wir leben bereits in einer post digitalen Zeit – und das ist gut so.

3. Konsens statt Grabenkampf
Wir brauchen keine Internet-Gegner oder -Befürworter, wir brauchen Konsens, Akzeptanz, Hirn, Konfiguration und Taten.

4. Menschenverstand bringt Mediennutzen
Wir brauchen unseren kritischen Menschenverstand, um aus der Digitalisierung den Segen herauszuholen, den sie bieten kann.

5. Blut ist dicker als Datenleitung
Internetzugang ist keine Nabelschnur, wir müssen wieder öfter abschalten und Online- und Offline-Leben ausgewogener dosieren.

6. Achtsamkeit statt Ablenkung
Wir müssen Dauerablenkung als Normalzustand verbannen und lernen, wieder ungeteilt aufmerksam zu sein, um konzentriert zu arbeiten und genussvoll zu leben.

7. Ständig erreichbar sind nur Sklaven
Wir brauchen eine neue, gesündere Kommunikationskultur, die ständige Erreichbarkeit als Götze und Multitasking als Karrieretugend entthront.

8. E-Müll ist unternehmerische Verantwortung
Wir brauchen Unternehmen, die Verantwortung für den 
E-Müll übernehmen, den ihre Mitarbeiter produzieren und konsumieren.

9. Internetkompetenz ist Schlüsselqualifikation
Wir brauchen Eltern, die begreifen, dass Informations- und Medienkompetenz Schlüsselqualifikationen für ihre Kinder sind.

10. Praktiker statt Prediger
Wir brauchen Lehrer, die sich im Internet besser auskennen als ihre Schüler.

11. Vorleben statt verdammen
Wir brauchen Lehrer, Politiker und User, die eine kritisch analytische, verantwortungsvolle und konstruktive Medien-Nutzung vorleben.

12. Fluch bannen, Segen nutzen
Wir brauchen eine neue Lehr- und Lernkultur, die Kreativität, Quellenkritik und kollaboratives Arbeiten fördert.

13. Sinnvoll Surfen als Schulfach
Wir brauchen neue Fächer, die praxisnah Medienkompetenz vermitteln.

14. Internet-Führerschein für alle
Wir brauchen Facebook-, Internet- und Smartphone-Führerscheine für Eltern, Lehrer, Politiker, Schüler und alle, die sich den digitalen Medien (noch) nicht gewachsen fühlen.

15. Gestern ist von gestern
Wir brauchen keine Endzeitprediger, wir brauchen neue Wege und mutige Menschen, die sie gehen.

 

Ich finde Spitzer’s Panikmache unangebracht. Zu sagen, alles ist schlecht ist einfacher als Möglichkeiten zu suchen besser mit den Digitalen Medien umzugehen. Er führt nur Probleme auf, bietet aber keine Lösungen. Wir dürfen uns von den Digitalen Medien nicht versklaven lassen, sollten aber auch unseren Nutzen aus ihnen ziehen. Wie Anitra Eggler sagt: „Die Medien sind immer das, was wir aus und mit ihnen machen.“ Digitale Medien gehören jetzt zu unserem Alltag und man kann nicht die Augen davor verschließen. Sie haben ja auch einen enormen Nutzen – auch für uns Gestalter. Aber wir sollten uns und andere sensibilisieren, mehr darauf achten wie wir Digitale Medien nutzen. Digitale Medien nicht verbieten sondern limitieren. Auch mal raus in die „pixelfreie Zone„. [7] Vielleicht auch einfach mal das Handy abschalten und uns internetfreie Zeit geben. Und bei einer Recherche vielleicht doch mal wieder erst ein Buch aus der Bibliothek ausleihen bevor wir im Internet recherchieren.

 

Quellen:

[1] [2] http://www.clausdanielherrmann.de/2013/03/digitale-denke/
[3] http://www.amazon.de/Digitale-Demenz-unsere-Verstand-bringen/dp/3426276038
[4] http://www.welt.de/gesundheit/article112361058/Digitale-Demenz-Von-wegen.html
[5] http://www.lehrerfreund.de/schule/1s/manfred-spitzer-digitale-demenz/4236
[6] http://www.digital-therapie.com/dt_print.php?p=465
[7] http://www.zeit.de/zeit-magazin/leben/2014-05/familie-kleingarten-digital-kolumne

 

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